Eine Frau, circa ü40, steht vor einem Mikrophon. Sie hat dichtes lockiges Haar , dunkelblaue Augen und einen dunklen Teint. Mit ihren äußeren Features wirkt sie wie eine „person of color“. Es handelt sich um die Aktivistin Rachel Dolezal, die sich für die Rechte der Schwarzen in Amerika einsetzt. Sie wird gefragt, ob ihre Eltern Afroamerikaner sind. Die Frau wirkt nervös und scheint überrascht über die Frage. Sie antwortet „Ich habe ihre Frage nicht verstanden!“ und geht. Dolezal bejaht die Frage nicht, verneint sie aber auch nicht. Stattdessen sucht sie die Flucht. Das Video wird wenig später im Fernsehen ausgestrahlt. Direkt nach der Ausstrahlung melden sich die Eltern dieser Frau und offenbaren eine Woche später in einer Nachrichensendung, dass ihre Tochter weiss sei und das sie seit Jahrzehnten behauptet, „gemischtrassig“ zu sein. Die Eltern liefern Belege in Form einer Geburtsurkunde und Kinderfotos. Dieser Vorfall löst einen Skandal sowie eine heftige Diskussion aus. Durch die Schlagzeilen wird Rachel Dolezal über Nacht weltberühmt.

Das Leben der Aktivistin wird nun öffentlicht und Recherchen ergeben, dass Rachel tatsächlich jahrelang schriftlich angegeben hat, sie wäre eine „person of color“. Zu diesem Zwecke hat die naturblonde, hellhäutige und blauäugige Rachel ihr Äußeres optimiert. Durch Sonnenbank, dunkles Make-Up und die Veränderung ihrer Haarstruktur mittels Dauerwellen und Chemikalien, hat Rachel ihren Typ so verändert, dass man sie auf der Straße für eine Frau mit afroamerikanischen Wurzeln halten könnte. Oder hart ausgedrückt: Rachel Dolezal, die seit Jahren in der Black-Community aktiv war, wollte ihre Umgebung vortäuschen „biracial“ zu sein.

Rückblick: Rachel Dolezal war jahrelang Vorsitzende der NAACP, einer Organisation, die sich aktiv für die Rechte von Afroamerikanern einsetzt. Sie hat an der Howard-University studiert, auf die man nur zugelassen wird, wenn man afroamerikanische Wurzeln hat. In ihren Bewerbungspapieren für die Arbeitsstelle und das College hat sie angegeben schwarz zu sein und hat dadurch sogar ein Stipendium im Wert von 60.000 US-Dollar erhalten. Das heißt, das sie sowohl ihren späteren Job als auch ihr Stipendium, ohne die Angabe eine afroamerikanische Herkunft zu haben, nicht ergattert hätte.

Nach dem Interview ihrer Eltern sowie weiterer Aussagen ihrer Brüder und Freunde war es amtlich. Rachels Vorfahren sind alle weiss sind und die Frau hat ihr gesamtes Umfeld über Jahre getäuscht und angelogen. Dolezal hat finanziell und beruflich von ihrer Lebenslüge profitiert und durch die Täuschung bei der Aufnahme am College sogar Betrug begangen.

Als der Druck und die Beweislage zu hoch waren gestand Rachel öffentlich in einem Intervies, in Bezug auf ihre afroamerikanischen Wurzeln gelogen zu haben. Sie gab zu „Ich bin weiss, meine Eltern sind weiss und meine Großeltern auch. Aber ich fühle mich schwarz und bin im falschen Körper geboren. Ich identifiziere mich seit ich Teenagerin bin als schwarz. Ich bin transracial (dt. transrassisch)!“

Trans-Was? Fragten sich viele. Dolezal brachte ein Thema auf den Tisch, über das medial noch nie zuvor berichtet und das wissenschaftlich noch nie vorher aufgearbeitet wurde. Das Thema, ob es möglich sei, in der falschen Hautfarbe (auch Rasse) geboren zu sein bzw. sich einer anderen Hautfarbe zugehörig zu fühlen.

Die Öffentlichkeit reagierte erbost und mit Hass auf ihre Aussage. Sowohl weisse Amerikaner als auch die Black-Community zeigten kaum Verständnis für diese Frau. Für ihre Lügengeschichten nicht, aber auch für ihre Identitätswahrnehmung nicht. In Comedy-Shows wurde Dolezal auf die Schippe genommen, indem sich Comedians lockige Perrücken aussetzten und ihre Interviews ins Lächerliche zogen. In den sozialen Medien erhielt sie vor allem von der BlackCommunity einen Shitstorm. Einige sagten dies gehe über Blackfishing hinaus und es würde sich sogar um Blackfacing handeln.

Bei Blackfishing handelt es sich um eine modische Erscheinungsform bei der weisse Menschen, durch die Optimierung ihres Äußeren (dunkleren Teint, afrikanische Hairstyles), den Anschein erwecken dunkelhäutig zu sein. Kritiker von Blackfishing sehen darin eine Form kultureller Aneignung, also von dem Anschein wie eine „person of color“ zu wirken. Vor allem die Kardashians, aber auch Ariana Grande und Shirin David tun dies seit Jahren. Sie wollen anders als Justin Timberlake, Christina Aguilera oder Fergie, die lediglich afro-hairstyles verwenden, wie eine person of color erscheinen. Doch auch Fergie und Co. werden für kulturelle Aneignung angeprangert, also die Benutzung von Elementen anderer Kulturen in ihren Musikvideos. Blackfishing wird vor allem dafür kritisiert Schwarzsein als Modetrend auszunutzen, der nach gelieben wieder weggeschminkt werden kann. Blackfacing ist eine Praktik, die vor circa 100 bis 70 Jahren an Theatern und in Filmen angewandt wurde, um schwarze Menschen darzustellen. Weisse Menschen schminkten sich als schwarze Mensche, obwohl es damals bereits schwarze Darsteller gab, die diese Rollen hätten übernehmen können. Oftmals waren diese Performances rassistisch, da die Darbietungen stereotyp und verletztend waren.

So komplex und kontrovers diese Fälle schon sind, Rachels Fall ist noch komplexer. Diese Frau lebt jahrelang und täuscht ihr Umfeld eine Person Of Color zu sein. Sie lebt aber nicht nur eine Lüge und profitiert nicht nur finanziell davon, sondern sie identifiziert sich als Afroamerikanerin. Beim Blackfacing und blackfishing legen die Menschen ihre „Maske“ irgendwann ab. Rachel lebt und will weiterhin so leben wie bisher, als eine schwarze Frau.

Die meisten Menschen empfinden Dolezal als psychisch krank oder sind überzeugt sie würde am Münchhausen-Syndrom leiden. Andere (und es sind wenige) empfinden Mitleid für sie oder sehen sie als starke Frau, die Gutes getan hat, weil sie sich für die Rechte der Schwarzen eingesetzt hat. Doch die meisten empfinden ihr Betragen als einen Schlag ins Gesicht für die Black-Community.

Doch was denke ich? Ich sehe sie nicht als blackfisher, blackfacer oder extrem psychisch krank, sondern als „diffuse Persönlichkeit ihrer Identität betreffend“. Teilweise erkenne ich Ansätze eines Münschhausen-Stellvertreter-Syndroms (Menschen, die Krankheiten anderer vortäuschen, um soziale Leistungen in Anspruch zu nehmen) oder eines gewöhnlichen Münchhausen-Syndroms (Menschen die durch Lügen Aufmerksamkeit erhaschen wollen).

Immer wieder frage ich mich: Ist es möglich als weisser Mensch geboren zu sein und sich schwarz zu fühlen? Meine Antwort ist, dass ich es nicht weiß, da ich kein Psychologe, sondern Pädagoge bin. Deshalb kann ich nur beurteilen, inwiefern ihre Erziehung und Sozialisation dazu beigetragen haben diese Identitätsdiffusion aufgebaut zu haben oder weshalb sie zu einer Lügnerin mutiert ist. Im Gegensatz zum Transgender ist Transracial noch keine anerkannte Sache, was nicht heißt, dass es nicht anerkannt werden könnte. Ich bin noch unschlüssig, vor allem da die blackcommunity sich durch diese Frau verletzt fühlt.

An dem Fall schockiert mich am meisten: das Lügen, Täuschen und Betrügen. Hätte Rachel wie Martina Big (eine deutsche Frau, die ihre Hautfarbe von weiss auf schwarz geändert hat) einfach von Anfang an gesagt, sie wolle schwarz sein und identifiziere sich als Schwarze, dann wäre es in Ordnung. Doch sie hat es offen gelassen, dadurch getäuscht, hat finanziell davon profitiert und afroamerikanischen Frauen ein Stipendium genommen, dass ihr von rechtswegen nicht zusteht. Sie ist eine Betrügerin. Ich bin ratlos was ihre Identitätskrise anbelangt und hoffe, dass uns die Forschung irgendwann Aufschluss geben kann.