Seit einigen Jahren bereits ist das Phänomen der toxischen Männlichkeit sehr populär unter den Jugendlichen der Generation Z. Vor allem Andrew Tate, ein ehemaliger Kickboxer, der momentan in Rumänen lebt, hat diese Einstellung gegenüber Frauen als eine Bewegung ausgelöst und sich selbst zum Sprachrohr ernannt. Seitdem propagiert er seine „Philosophie“ und badet sich in der Anerkennung durch seine extrem jungen Fans.
Seine Bewunderer sind in der Regel zwischen 12 und maximal 28 Jahren alt und sie alle sind fasziniert vom Lifestyle und vom Erfolg des 1,90m großen muskulösen Machos. Prinzipiell fordert Tate Männer dazu auf die totale Männlichkeit zu leben, jede Form von Schwäche und homosexuellen Zügen zu vermeiden und Frauen auf keinen Fall zu viele Freiheiten zu gewähren. Vor allem spricht er sich gegen Feminismus aus und erklärt der Woke-und Diversity-Bewegung den Kampf an.
Doch wieso ist er damit gerade jetzt so erfolgreich? Was steckt hinter dem Phänomen Andrew Tate?
Die Ursachen liegen wie immer in den gegenwärtigen und alten Strömungen zurück. Tate selbst ist ein Millenial (Jahrgang 1986) und hat genau wie ich, den Wandel in den 90er Jahren hautnah erlebt. Damals kam es zu einem Wandel der Rollenbilder von Mann und Frau, u.a. haben sich Männer zu „Frauenverstehern“ entwickelt. Männer und Frauen haben sich mehr den je als gleichwertige Partner verstanden, d.h. Männer hatten nicht einmal mehr ein Problem damit die Kindererziehung zu übernehmen oder damit, dass ihre Partnerin mehr Geld verdient sie selbst. Männer haben Frauen damals alles gegeben und sich sogar mit ihnen und der Frauenbewegung der 90er Jahre solidarisiert. Das Machotum der 80er Jahre, das vor allem in der Heavy Metal Szene und dort insbesondere im Hairmetal seinen Höhepunkt erreicht hat, wurde von den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen des Anschlussjahrzehnts (damalige Xennials, Millenials und vor allem von der Generation X) komplett abgelehnt. Die Jugend wollte nicht mehr diese Poser sehen, die sich mit Models zeigen, die mit ihren sexuellen Praktiken prahlen oder die ihre teuren Limousinen zeigen. Eine längere Zeit über hatte sich dieser Wandel gehalten und wurde durch den Siegeszug des Hip Hop Anfang der 2000er Jahre gesprengt. Seither gab es immer wieder Extreme, die nebeneinander her lebten. Während in der Ganster-Rap-Szene der „Generation Porno“ (00er-Jahre) die Machokultur abgefeiert wurde (Frauen als Sexobjekte sehen, Sexprotzt sein usw.), gab es auf der anderen Seite auch diejenigen, die das Gegenteil lebten (u.a. innerhalb der Emobewegung und unter den Fans von Schmusesängern wie James Blunt). Tate hat all dies mitbekommen und übt deutliche Kritik an der „Verweichlichung“ der Männer, die die 90er Jahre brachte. Er sagt entgegen der modernen Einstellung, dass Frauen und Männer von Geburt an anders und das diese genetischen Unterschiede unumkehrbar sind. Egal wie sehr sich die Frauen auch emanzipieren und in die von Männern dominierte Welt gehen, werden sie immer das schwächere Geschlecht bleiben.
Soziologen und Psychologen haben sich das Phänomen Andrew Tate genauer angeschaut und sehen sein Vorgehen als eine Gegenreaktion auf die sich ständig verändernden Geschlechterrollen, die sich aus seiner Sicht zu stark zugunsten der Frauen und zu sehr zum Nachteil der Männer entwickelt. Dieser Verschiebung der Machtverhältnisse wollen Tate und seine Anhänger Einhalt gebieten. Frauen fordern immer mehr Rechte ein und das scheint den Männern zu missfallen, da sie nun immer mehr in der Politik dominieren und mehr in Führungspositionen vorzufinden sind. Auch sehen die Soziologen diese neue Strömung der demonstrierten toxischen Männlichkeit als eine Art „Rache“ einiger Männer an den Frauen. Experten sagen, dass eine Ursache für Tates Erfolg, der Umstand ist, dass Frauen die Machtkarte ausspielen Männern den sexuellen Akt zu verweigern oder das sie beruflich und materiell so unabhängig werden können, dass sie auf einen Mann als „Ernährer oder Ersatzvater“ vollkommen verzichten können. Das missfällt den Männern, die Frauen mit Statussymbolen beeindrucken wollen und denjenigen, die Schwierigkeiten haben eine Freundin zu bekommen (Langzeitsingles). Tate erklärt diesen Männern, wie sie erfolgreich werden können und somit sexuelle Potenz und absolute Macht demonstrieren können. Dies sind archaische Eigenschaften, die viele Männer sich wünschen und sie sind so verzweifelt, dass sie glauben mithilfe von Tates Ratschlägen diese Ziele erreichen zu können.
Selbstverständlich ist seine Art der Inszenierung unter anderem derart erfolgreich, da die Woke-Bewegung existiert und Woke die Gesellschaft immer mehr spaltet. Die Forderungen dieser Welle sind zu erzwungen, zu gekünstelt und werden zu militant umgesetzt. Deshalb wenden sich die Menschen von den Veränderungsforderungen ab und besinnen sich auf traditionellere Werte. Auch die Bitchboss-Frauen a la Shirin David und Katja Karasavice sowie der gesamte Only-Fans-Models Hype, die sich allesamt als neuste Auflage des Feminismus verstehen, spielen diesen Männern in die Karten. Schließlich sind die Aussagen dieser meist ungebildeten Frauen oftmals derart widersprüchlich und grotesk, dass die Tate-Anhänger sich in ihren Aussagen bestätigt fühlen und alle Frauen auf das Level der OF-Models setzen. Diese Frauen inszenieren sich als eine Art „Dummchen“ und reduzieren sich vollkommen auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Ein Umstand den sich die toxischen Männlichkeitsverfechter zunutze machen. Nicht nur die Tate-Fans empfinden diese Art des Feminismus als eigenartig und widersprüchlich. Es gibt auch Frauen, die diese Form von Frauenpower als eine Art Rückschritt betrachten, da die neuen Feministinnen sich eher dazu entscheiden sich nackt im Internet zu präsentieren, anstatt einer normalen Tätigkeit nachzugehen.
Er spricht an, was viele sich nicht trauen und da Tate die Medien kennt, weiß er, dass sich Kontroversen und provokative Aussagen besser verkaufen als wenn man sich in der Mitte positioniert. Tate ist ein sehr cleverer Geschäftsmann und weiß genau was er tut und was er durch sein dominantes Auftreten und seine provokanten Aussagen bewirkt. Er setzt seine Statussymbole und seinen Lifestyle ein, um Leute zu beeindrucken, was insbesondere in einem kapitalistischen und materialistischen Land wie den USA sowie in bestimmten Milieus in Europa funktioniert.
Zudem bringen seine Aussagen hohe Klickzahlen und Quoten und bestärken ihn in seinem Ego. Tate weiß um das Medienecho, welches ihn noch mehr in den Olymp eines untastbaren Anführers und Gottes katapultiert. Zu seinen Anhängern gehören u.a. deutsche und Us-amerikanische Rapper sowie der Streamer Adin Ross. Tate, der meistens 10 bis 20 Jahre älter als seine Fans ist, wird von ihnen als eine Art Ziehvater und Rolemodel betrachtet. Zwar weiß er, dass seine Clips und sein Stardom auch von Kritikern getragen werden, jedoch stört es ihn nicht, da er diese Reibung miteinkalkuliert hat. Denn jeder weiß, dass es keine negative PR gibt und dementsprechend schauen sich auch Menschen, die seinen Aussagen nicht zustimmen, seinen Content an.
Ich persönlich finde nicht, dass Andrew Tate eine große Gefahr in einem größeren Kontext darstellt. Jedoch macht mir die Reihweite seines Einflusses ein wenig Angst. Schließlich ist er als Influencer der Gen Z in dem Sinne toxisch, da diese Jungs irgendwann zu Männern reifen und bereits seit Kindertagen Tates Parolen ausgesetzt sind. Historisch und popkulturell betrachtet ist Tate nur ein weiterer Mann, der dem Machotum für einen kurzen Zeitraum Aufschwung gibt und dann wieder von einem anderen Anführer abgelöst wird. Davor hießen die Machos Jagger, Bohlen und Marlon Brando. Es gab vor ihm immer wieder Machos, die die Jugendlichen zu mehr Männlichkeit beeinflusst haben. In der jüngsten Vergangenheit waren es Buschido und Sido im deutschen Raum oder auch US-amerikanische Rapper in den USA, die immer wieder und konstant ein negatives Frauenbild vermittelt haben. Eine derartige Aufregung verstehe ich vor dem Hintergrund, dass ständig Strömungen kommen und gehen nicht. Dieser Prozess ist eine Wechselwirkung. Die Machokultur wird u.a. auch in der Familie geprägt und dementsprechend suchen sich diejenigen, die mit dem Machosein aufgewachsen sind, einen Tate zum Vorbild aus. Nur die wenigsten werden allein durch Tate zu einem Frauenfeind. Schließlich spielt vor allem die Peer-group eine zentrale Schlüsselrolle in der Sozialisation und Adoleszenz und man kann nicht an allem die Medien oder Figuren aus den Medien die Schuld zuschieben. Schließlich haben Millionen Jugendliche über Jahrzehnte Rockbands gehört, deren Bandmitglieder Drogen verherrlicht haben und nur ein Bruchteil von ihnen hat eine Drogenkarriere eingeschlagen. Allein das Anschauen von Tates Clips macht einen Jugendlichen nicht automatisch zum Frauenhasser, auch wenn ich mir darüber bewusst bin, dass das Internet mehr Einfluss ausübt durch die ständige Verfügung als es die Medien vor 20 Jahren getan haben.
Vielmehr spielen Strömungen wie Woke, der momentane Trend zum konservativen Lager sowie Berufung auf Traditionen, da die Welt immer mehr auseinander zu driften scheint. Weiter sind Sozialisation, Bildung, Peer-Group und die Werte und Normen innerhalb der Erziehung entscheidend. Die Solidarität unter den Männern, die bei den Frauen seltener anzutreffen ist, trägt ebenfalls dazu bei, dass diese Bewegung so erfolgreich ist.
Das Thema ist sehr schwierig und ich persönlich lehne selbstverständlich diese Form der Einstellung gegenüber von Frauen ab. Viele Frauen solidarisieren sich mit Männern wie Tate, ohne zu merken, dass sie am Ende nicht von ihnen akzeptiert werden und er sich dann auch gegen die Frauen, die sich mit ihm solidarisieren gegen die Frauen stellen kann.
Jedoch haben diese Videos (vor allem Tate und Adin Ross) einen sehr hohen Unterhaltungswert. Persönlich gebe ich den Anhängern von Tate den Ratschlag, dass sie Frauen akzeptieren und sich nicht von diesen Parolen beeindrucken lassen sollen. Nur ein bestimmter Typ von Frauen sind von Männern wie Tate fasziniert. Die meisten Frauen ziehen einen Mann mit Humor, Intelligenz und einem guten Charakter vor, anstatt sich von Muskelmasse, Bugattis oder sexueller Prahlerei beeindrucken zu lassen.
AMEN
(Ich verwende nur das Wort Amen, weil ich damit sagen will, dass der letzte Abschnitt eine Wahrheit enthält, wie die Bibel sie vorgibt zu haben).
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