Neulich habe ich auf Sixx geschaltet und eine neue TV-Show mit dem Titel „Ab ins Kloster“ entdeckt. Diese Sendung stellt keineswegs ein neues „Reality“-TV-Format dar, ist aber aus vielerlei Gründen interessant und unterhaltsam. „Ab ins Kloster“ läuft zwar schon länger, da es sich bei den aktuellen Folgen bereits um die Ausstrahlung der 2. Staffel handelt. Ich habe die Sendung erst jetzt entdeckt, da meine Tochter 2020 noch ein Baby war und ich vieles verpasst habe. So auch diese Sendung.
Doch zurück zum Thema: „Ab ins Kloster“ reiht sich in eine lange Tradition von („pseudo“-)pädagogischen TV-Shows ein, die meistens von den Privatsendern der RTL-Vox-Group oder der Pro7-SAT1-Group produziert werden.
Zunächst schickten die Privaten Kaja Saalfrank alias „Die Supernanny“ ins Rennen, die verhaltensauffällige Kinder durch operantes Konditionieren, umgekrämpelt hat. Dabei wendete sie meistens Verstärkerpläne und dubiose Methoden wie die „Stille Treppe“ an und löste damit eine heftige Diskussionen aus. Aufgrund der hitzigen Kritik an dem TV-Format sowie an der Darstellung der Kinder, wurde die Sendung aufgrund des medialen Echos von RTL aus dem TV-Programm verbannt. Anschließend folgte Michael Thiel, der bei „Raus aus Hotel Mama“ mitwirkte, wo junge Erwachsene (meist zwischen 20 bis 27) zur Eigenständigkeit und zum „Erwachsensein“ befähigt wurden. Nach wenigen Staffeln, stellte man auch diese Sendung ein. Zuletzt wären noch „Die strengsten Eltern der Welt“ zu erwähnen, eine Show, bei der Problemjugendliche zu extrem strengen Eltern aus einem anderen Kulturkreis geschickt wurden, um dort mittels der Methode „Kennenlernen der Härte des Lebens“ umerzogen zu werden. Die Partymacher, Gewaltstraftäter, Kleinkriminellen und Schulverweigerer sollten binnen 2 Wochen zu besseren Menschen werden. „Ab ins Kloster“ ist stark an dieser Sendung angelehnt, bezieht aber zusätzlich noch den Beistand Gottes ein. Die Nonnen und Mönche der jeweiligen Klöster berufen sich vor allem auf religiös geprägte Werte- und Normvorstellungen sowie auf einen asketischen Lebenswandel, um die Problemkinder zum Umdenken zu bewegen.
Als studierte Pädagogin sind mir Umerziehungsmaßnahmen jener Art mehr als bekannt. Zu den bekanntesten zählen „Bootcamps“, ein Programm aus den USA, das durch millitärischen Drill aufmüpfigen Kindern das Fürchten lehren soll. Die Drill Instructoren und Ex-Marines bringen den Teenagern Strukturen und knallharte Regeln bei, indem sie sie zu Gehormsam erziehen und systematisch ihren Willen brechen. Doch die kontroversen Camps sorgten und sorgen noch immer für Kritik und werden oftmals geschlossen. Sektenartige Gegebenheiten, mehrere Todesfälle im Jahr (durch Selbstmord oder zu Tode gequält durch das Camp) oder gar „Umerziehung zur Heterosexualität“ sind negativ Schlagzeilen, die kein gutes Licht auf diese Camps werfen. Doch in den USA muss eben alles eine Spur heftiger sein.
Hierzulande werden junge bzw. jugendliche Gewaltstraftäter sowie Kleinkriminelle häufig in Maßnahmen wie das „Boxcamp Kannenberg“ oder „Segelschulen“ gesteckt, um diese noch formbaren Individuen zu besseren Menschen umzupolen.
Doch uns Pädagogen und auch den TV-Zuschauer treibt die Frage um: Kann man Jugendliche durch solche TV-Maßnahmen wirlkich dauerhaft verändern? Die Antwort lautet eindeutig JEIN.
Selbstverständlich ist eine temporäre Veränderung der Teenager und jungen Erwachsenen möglich. Die TV-Maßnahmen dauern in der Regel zwischen 7 bis 14 Tagen. Da kann man nur in Ausnahmefällen eine grundlegende Veränderung in den über Jahren durchgeführten Verhaltensmustern erwarten. Hinzu kommt, dass die meisten Teenager noch vor dem Beenden der Maßnahme, das TV-Experiment abbrechen. Zuletzt muss man hinzuziehen, dass es sich bei diesen Sendungen um so genannte „Teil-scripted-reality“ Formate handelt, bei denen nicht alle dargestellten Fakten der Wahrheit entsprechen müssen. Vor allem nach Ausstrahlung „Der Supernanny“ klagten Teilnehme, da sie sich verzerrt oder durch den Schnitt und reingescriptete Subplots, nicht authentisch dargestellt gefühlt haben.
Und wie ist es mit den außerhalb des Fernsehens stattfindenen pädagogischen Maßnahmen? Auch hier gelingt eine dauerhafte Änderung selten, jedoch öfter als bei den TV-Experimenten, u.a. da sie 6 bis 18 Monate dauern und von Sozialpädagogen und Psychotherapeuten durchgeführt werden. Vor allem aber findet die Therapie außerhalb der Öffentlichkeit statt, was viele auch dazu verleitet, sich natürlicher zu verhalten. Studien über Rückfallquoten nach dem Besuch eines „Boxcamps“ oder „Bootcamps“ werden zurückgehalten. Um eine komplette Veränderung eines Menschen zu erzeugen, müssen gewisse Faktoren als Voraussetzung gegeben sein. Unter anderem hängt ein Wandel ab von der Persönlichkeit, der „Einsicht“ und vor allem von der Integration in die Gesellschaft ab, die oftmals durch das Umfeld des Problemjugendlichen erschwert wird (z.B. Milieu, Elternhaus, krimineller Freundeskreis usw.). Vor allem das Wort Einsicht spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle, da eine innere Lernprogression bewiesenermaßen nur stattfindet, wenn der zu Erziehende einen Sinn oder eine Notwendigkeit in dem angestrebten Lernziel bzw. in den vermittelten Werten sieht. Kinder lernen meistens nicht aus Angst (schwarze Pädagogik) oder der Angst vor einer harten Strafe, ebenso wie erwachsene Personen. Eine Strafe wirkt selten abschreckend, da 80% der Straftäter irgendwann im Leben erneut straffällig werden (keine Regeln einhalten, krimimell werden, Autoritäten nicht anerkennen). Ein Indiz dazu liefert der Umstand, dass die Autorität „Staat“ in Ländern wie den USA trotz härtester Strafen und strenger Gefängnisse, die höchste Kriminalitätsrate und Rückfallquote hat. Strenge und Strafe sind also kein Allheilmittel, um einen Menschen komplett umzupolen oder ihn vor einem kriminellen Karriere zu bewahren. Viel mehr begünstigen Desorientierung und Desintegration eine problematische Laufbahn. Diese ist in Ländern wie den USA am stärksten.
Und was ist nun mit „Ab ins Kloster“? Als nichtgläubige Person, ist es für mich schwierig zu verstehen, inwiefern Gott und Religion dazu beitragen können, Jugendliche, die diese Werte ablehnen zum Umdenken zu bewegen. Beim Gucken der Sendung fiel mir allerdings auf, dass sich die Methoden und die Lernziele von den Geistlichen und den „strengsten Eltern der Welt“ nicht großartig unterschieden haben. Beide Erziehende wenden Strenge, Arbeit, Übernahme an Verantwortung für Tiere, strenggeregelte Tagesabläufe (frühes Aufstehen, wenig Freizeit usw.), askentische Lebensweise (Entzug von Narkotika, Vergnügen) und Gespräche als Mittel an. Sie unterscheiden sich kaum, mit dem Unterschied, dass die Jugendlichen im Kloster Gottesdienste besuchen sollen.
Interessant war für mich die Ausstrahlung der Sendungen, in denen die Jugendlichen in buddhistische Shaolinkloster musssten. Die fernöstlichen Weisheiten und vor allem der Zen-Buddhismus übten auf mich als Teenager immer eine große Faszination aus, auch wenn ich schon damals kein religiöser Mensch war. Das andere Glaubenssystem rund um Buddah, könnte zumindest eine entspannte Atmosphäre für manche Jugendliche darstellen, die sich eher für fernöstliche statt christliche Religionen begeistern könnten.
Insgesamt empfinde ich das TV-Format als sehr gelungen und unterhaltsam, halte es zudem auch für aufklärerisch. In einer solch schnelllebigen Zeit in der wir leben, kann ein Ort der Ruhe und des In-Sich-Gehens viel bewirken. Nicht zuletzt empfinden viele Kriminelle den Umstand sich mit sich selbst zu beschäftigen oder über das eigene Handeln nachzudenken als unerträglich. So auch die Jugendlichen, die lieber Drogen nehmen, anstatt sich Gedanken über den Sinn des Daseins zu machen. Die Isolation von Konsum und Medien betrachte ich als ein Hilfmittel und eine Chance, auf andere Dinge und sehen. Den Fokus über den Horizont der Leistungs- und Konsumgesellschaft zu legen und sich wieder auf sich selbst zu besinnen.
Deshalb ist es ein spannendes Experiment, auch weil ich als Pädagogin mit solchen Jugendlichen konfrontiert wurde. Und überhaupt: Wenn uns Corona etwas gelernt hat, dann doch die Tatsache, wie wenig sich die meisten noch mit sich selbst beschäftigen können und wie viele Party und Co. nutzen, um nicht nachdenken zu müssen. 2021, nach einem Jahr im Lockdown und wir müssen immer noch lernen zu verzichten, Regeln einzuhalten und uns auf uns zu besinnen. Umzudenken und backtobasic zu gehen. Nichteinmal Erwachsenen gelingt es. Lockdown ist wie eine Lightversion des Klosters. Arbeiten, Essen und auch oft alleine bei sich selbst sein.
Vielleicht sollten wir solche Sendungen nicht immer direkt verteufeln oder verurteilen, sondern nutzen, um etwas über kulturelle Konflikte, über die Ursachen von problematischen Jugendlichen, über die Fehler der Eltern und auch über uns selbst zu lernen. Sie sind nicht unbedingt pädagogisch wertvoll, aber sie haben ihre Daseinsberechtigung.
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