Eine Szene als Übung für den Schreibkurs wird heute noch fertig geschrieben und später hier veröffentlicht.
Auszug aus Kapitel 2 meines Jugendromans (Coming-Of-Age) „Abriss aus meinem verkorksten Leben“
Kapitel 2
Abriss aus meinem verkorksten Leben
„Du wirst an deiner neuen Schule wie ein kleiner Fisch in einem großen Teich sein.“ hat mir meine Mutter damals gesagt, während mein Dad mir lediglich auf den Weg gab „Die neue Schule ist eine Chance für dich, um Aufregendes zu erleben und um neue Bekanntschaften zu machen!“ Einen letzten Ratschlag habe ich von meiner Stiefmutter Bonnie erhalten „Vertraue auf Gott und alles wird gut werden!“
Diese Pseudoweisheiten, die man mir vor genau 8 Wochen vor meinen Kopf geballert hat, jagten durch mein Hirn, während ich die fettigen fast kalten und vom Ketchup noch weicher gewordenen Pommes aus der Schulkantine runterwürgte. Die dunkelblauen 80er-Jahre-Kacheln sahen mitleidig auf mich herab als ich mein Essen halbherzig zu mir nahm und das Szenario vom letzten Donnerstag wieder vor mein geistiges Auge kam.
Der besagte Donnerstag fing eigentlich gut an, da ich das erste Mal seit Tagen mehr als 5 Stunden am Stück geschlafen habe. Das Ankleiden dagegen verlief schleppend, da ich satte 20 Minuten dafür brauchte, von einem Outfit ins nächste zu wechseln, nur um am Ende in der ursprünglich geplanten Kleidung zu landen. Die Angst, dass mir meine Peiniger irgendwelche Sprüche wegen meines neuen „Hard Rock T-Shirts“ und meiner neuen coolen Jeanshose drücken würden, war größer als die Freude darüber diese Sachen endlich anziehen zu können. Stattdessen schmiss ich mich in mein uraltes Alice-In-Chains-Shirt und in meine alte Lieblingsjeans. Kleidungsstücke, die wenig Angriffsfläche boten. Als mein Dad mich fragte, wieso ich die neuen Sachen nicht tragen würde, log ich ihm ins Gesicht „Ich will sie schonen und trage sie lieber am Wochenende!“
Meine Bauchschmerzen fingen immer kurz vor dem Betreten des Schulgebäudes an und ließen erst nach, als eine Lehrkraft im Klassenraum anwesend war. Mittlerweile war ich jeden Tag bereits gegen 8.30Uhr, also 30 Minuten vor dem Unterrichtsbeginn, in der Schule. Zeit, die ich brauchte, um meinen Peinigern zu entkommen. Ich überließ nichts dem Zufall und nahm den langen Umweg über den Gang C, da die coolchicks diesen Weg garantiert nicht nutzen würden. Mein Herz raste immer wie wild als ich morgens durch den langen, noch fast leeren Flur marschierte. Doch ich hatte es an diesem Morgen geschafft. Ich war an meinem Spint angelangt, ohne jemandem von ihnen begegnet zu sein. Als keine Menschenseele vor dem Spint zu sehen war, reduzierte sich mein Herzrasen. Und auch mein Puls fuhr herunter als ich bemerkt hatte, dass mein Spint weder demoliert, noch beschmiert war. Letzte Woche standen da noch die Worte „Ms. Hobbit“ und „Lesbe“ mit Edding draufgeschrieben. Alle, die wussten, dass es sich mein Fach handelte, haben mich 7 Tage lang ausgelacht. Ich wusste zwar nicht weshalb Lesbisch- oder Hobbitsein für meine Klassenkameraden eine Beleidigung darstellte, da lesbische Frauen irgendwie cool waren und Hobbits magische Wesen sind. Doch es spielte keine Rolle was ich darüber dachte, denn ich war ein Niemand und hatte nicht zu bestimmten, wer und was cool war.
Doch auch jetzt beim Öffnen meines Spints war noch Vorsicht geboten. Zaghaft drehte ich den Spintschlüssel um und öffnete die Tür mit Schweißperlen auf der Stirn. Schließlich könnten die coolchicks mir Konfetti ins Spint getan haben, wie vor drei Wochen. Es waren wahrlich 15minutes of shame als ich das viele Konfetti von meinem Schulmaterial entfernen und vom Boden des Schulflures wegfegen musste, während sich eine Horde von Mitschülern um mich herum versammelte und mich entweder ausgelachte oder mit einem bemitleidendem Blick auf mich herabblickte. Seitdem wachte ich morgens oft mit einem Chor dieses Gelächters in meinem Ohr auf.
Als ich mein Schließfach langsam öffnete und lediglich meine Bücher vorfand, atmete ich einmal tief durch, wobei sich alles in meinem Magen wieder in die richtige Position schob und mein Herz wieder in einem normalen Rhythmus zu schlagen anfing. Schnell nahm ich alle wichtigen Unterrichtsmaterialien heraus, denn ich durfte keine Zeit verlieren. Schließlich war es bereits 8.40Uhr und der der ganze Weg zurück über den Gang C kostete mich satte 5 Minuten. Im selben Eiltempo wie vorhin und mit gleich hohem Puls, sprintete ich zum Raum 01.07.
Geschafft. Exakt um 8.45Uhr betrat ich den Kursraum von Mr. Fine. Lediglich Chuckie und Harriet waren zu dem Zeitpunkt drin. Das heißt, dass ich noch freie Platzwahl hatte. Wie immer setzte ich mich an meinem safeplace ganz Vorne vor das Lehrerpult und weit weg von den „Coolen“, zu denen auch meine Peiniger gehörten. Ich hatte noch 7 Minuten meine Notizen für die Geschichts-Prüfung durchzugehen, da sie coolchicks für gewöhnlich frühestens gegen 8.53Uhr auftauchten. Die Fakten und Zahlen rund um die Französische Revolution, das Leben der Marie Antoinette sowie über die Ständegesellschaft, hatte ich inne. Trotz meiner Konzentration und dem Triumph über den Sitzplatz nah am Pult, rumorte mein Magen noch immer ein wenig. Das legte sich erst, nachdem Mr. Fine den Raum um 8.54 Uhr betreten hatte. Sich halbwegs in Sicherheit zu fühlen, normalisierte meinen Puls und meine Darmtätigkeit.
Meine erste Hoffnung für diese Prüfungsstunde bestand darin, dass die coolchicks sich nach ihrer letzten Ermahnung, nicht mehr trauen würden mich vor dem Lehrer zu ärgern. Meine zweite Hoffnung war, dass sie erst gar nicht auftauchen oder gar verspäten würden. Es war schließlich schon 8.57Uhr und der Raum war fast voll. Ich nutze die verbliebene Zeit. Ich legte mir meine Bleistifte zurecht und ließ den Rest meiner Materialien vom Tisch verschwinden, um perfekt auf die Prüfung vorbereitet zu sein.
Die coolchicks waren noch nicht da und ich bat Gott darum, dass sie sich heute verspäten oder blau machen würden. Mr. Fine schloss die Tür des Kursraums immer um genau Punkt 9.00Uhr ab, d.h. wer bis 8.59Uhr den Kursraum nicht betreten hat, durfte nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Gegen 8.58Uhr konnte ich mein Glück kaum fassen. Die coolchicks würden sich haushoch verspäten.
Gerade als ich dabei war einen inneren Luftsprung zu machen, hörte ich plötzlich laute klackernde Absätze und ein Rumgequietsche auf dem Korridor. Beide Geräusche schienen immer lauter zu werden. Mein Herz schlug härter als ein Presslufthammer, denn bei den Geräuschen auf dem Korridor handelte es sich um die lauten Highheels von Heather und die Stimmen ihrer beiden Anhängsel Kelly und Britney. Ich spielte hektisch mit meinem Bleistift herum, bis ich bemerkte, dass meine Hand zittrig war.
Wie über einen Catwalk schritten die drei in sexy-hippe Klamotten gekleideten und perfekt durchgestylten drei Mädchen, die wie immer mit Smartphones und 2000Dollar Handtaschen gewaffnet waren, in den Klassenraum. „Wir waren noch für kleine Mädchen Mr. Fine!“ sagte Heather, während alle Jungs die 1,75m große und schlanke Blondine anstarrten.
„Wow tolles Outfit. Die Lumpen von letzter Woche.“ flüsterte Heather mir im Vorbeigehen zu, ohne dass es Mr. Fine mitbekam, während Kelly und Britney sich darüber kaputtlachten. Mr. Fine schüttelte den Kopf als die coolchicks das Hinsetzen auf die hinteren Plätze wie einen Walk über den red carpet zelebrierten. Ich blickte auf meine Kleidung und bemerkte, dass ich sie tatsächlich letzte Woche getragen hatte. Graues T-Shirt, langweilige No-Name-Jeans und ein alter Rucksack. Dann sah ich auf Heathers Kleidung. Moderne Jeans, enges Oberteil, teure Highheels und eine schicke Markentasche.
Mein Bleistift fiel mir aus der Hand, so schwitzig waren meine Hände mittlerweile. Selbst das bekamen die coolchicks mit und kicherten. Während Mr. Fine die Prüfungsbögen umgedreht auf den Tisch verteilte, schmunzelten die drei chicks noch immer über mich, meine Klamotten und das Herunterfallen meines Bleistiftes. Genau 120 Minuten hatten wir für den Abschlusstest Zeit, teilte uns Mr. Fine mit, wünschte uns viel Erfolg und drückte auf seine Stoppuhr Vorne am Pult.
Bring! Ich funktionierte zunächst wie eine Maschine und spulte mein gesamtes gelerntes Wissen in den ersten 60 Minuten wie ein Roboter ab. Ohne den Stift aus der Hand zu legen schrieb ich die Seiten voll, bis mein Handgelenk und meine Finger mir wehtaten. Diese Motivation und beruhigende Wirkung hatte ich Mr. Fine zu verdanken, einem Lehrer der große Stücke auf mich hielt und der sogar meinte, ich hätte eine reale Chance eine Zusage von Yale oder Berkley zu bekommen. Ein Blick auf die Uhr. Es war genau 10.00Uhr. Als ich nach hinten sah und bemerkte, dass die coolchick versuchten von Chukie abzuschreiben, motivierte mich das noch mehr eine Eins zu schreiben.
Bis 10.30Uhr lief alles wie geplant. Doch plötzlich war mein Flow durch das Zuflüstern des Wortes „Hobbit“ aus dem hinteren Teil des Kursraumes mit einem Mal unterbrochen. Wieso fingen die chicks mitten in der Prüfung wieder damit an? Mr. Fine, der eine Zeitung las bekam nichts mit, bis auch einige andere Schüler anfingen darüber zu lachen und er sie ermahnte. Manchmal hatte ich den Eindruck, Mr. Fine wollte einfach nichts mitbekommen.
Seine Ermahnung kam zu spät. Ich war bereits vollkommen aus dem Konzept gerissen und zwar gerade als ich bei der letzten und allerwichtigsten Aufgabe angelangt war, in der es um alles entscheidende Zusatzpunkte ging. Ich las die Aufgabenstellung noch einmal durch „Überprüfe die Allgemeingültigkeit der Aussage von K.F. Reinhard zur Französischen Revolution anhand zweier Beispiele aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Epochen!“ Meine Hand zitterte, während ich das Papier festhielt. Nichts. Mein Kopf war leer. „Hihihi!“ ertönte die Stimme von Kelly. Danach flüsterte Britney „Die ist bescheuert!“ Ich sah auf die Uhr. Es war mittlerweile bereits 10.40Uhr. Ich las die Aufgabenstellung nochmal „Überprüfe die Allgemeingültigkeit der Aussage von K.F. Reinhard zur Französischen Revolution anhand zweier Beispiele aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Epochen!“ und nochmal. Und noch einmal. Nein! Aus! Blackout! Ich las mir meine bisherigen Antworten durch und entdeckte Flüchtigkeitsfehler, die ich alle korrigierte.
10.50 Uhr. Noch 10 Minuten. Ich massierte meinen Kopf mit meinen Fingern und schloss die Augen. Doch anstatt der Antworten kamen andauernd Heathers Worte „Dieselben Lumpen wie letzte Woche.“ oder das Bild wie sie mein Spint mit dem Edding beschmierte, hoch. „Konzentrier dich“, sagte ich mir. „Du kennst die Antworten doch!“. Mein Kopf war voll mit dem Gelächter und den Wort Hobbit. Die Französische Revolution war nicht mehr abrufbar. Scheiße. 10.55Uhr, also nur noch 5 Minuten. Heather kam nach Vorne und gab ihren Prüfungsbogen ab. Ihre Seiten waren fast leer. Kaum hatte sie den Raum verlassen, fielen mir die Antworten alle wieder ein. Ich schrieb mit voller Wucht drauf los, auch wenn es sinnlos war. Ich schrieb die richtigen Antworten, da mir alles einfiel, selbst die Bezüge zu den Epochen. Ich schrieb und schrieb und schrieb.
BRING! Aus. Ende. Game Over. Mr. Fines Uhr war das Signal dafür, dass wir den Stift weglegen sollten. Ich sah hinunter auf mein Blatt. Immerhin hatte ich es geschafft in den 5 Minuten einen ganzen Abschnitt zu verfassen. Meine Hand tat noch weh und mein Zeigefinger war fast blau vom Schreiben. Plötzlich stand Mr. Fine vor mir, um meine Bögen einzusammeln. Als er bei Aufgabe 3.b nur einen Abschnitt geschrieben sah, sagte er „Von ihnen hätte ich mehr erwartet Ms. Szwarc.“ Na toll. Jetzt konnte ich mir Yale abschminken und würde als lumpentragender lesbischer Hobbit mit einem B-Zeugnis an einem College in Boise enden.
Doch lange Zeit für Enttäuschung und Trauer blieb mir nicht, da ich schnellstens in die Mensa musste, um mir einen safeplace, nahe an einer Tür zu sichern. Mit einem Puls von 120 betrat ich mit knallrotem Kopf die Mensa und schmiss mich auf das Büffet. In Blitzgeschwindigkeit hatte ich die Spaghetti Carbonare, das Apfelsaft-Trinkpäckchen und die Banane auf meinem Tablet und rannte hastig los, um mir einen geeigneten Platz zu ergattern, an dem mich die coolchicks nicht so schnell entdecken würden. Der Tisch bei den Computernerds und den Strebern war komplett belegt. Scheiße. Wohin jetzt? Ich blickte panisch nach links und rechts. Shit. Lediglich am Tisch der knallharten Rocker und am Tisch der coolen Hip-Hop-Clique waren noch Plätze frei. Da die punkigen Rocker immer auf Krawall aus waren, gesellte ich mich lieber zu den Hip-Hoppern.
Mit langsamen Schritten und rasendem Herzschlag quetschte ich mich an den überwiegend dunkelhäutigen Mitschülern, die hippe Markenkleidung und Sportwear trugen, vorbei. Im Vorbeigehen streifte ich versehentlich die Schulter eines kleinen fülligeren schwarzen Mädchens mit goldenen Kreolen und blonden Rastas, die in einem starken Kontrast zu ihrer extrem dunklen Haut standen. „Hey pass auf wo du hinläufst!“ schrie sie mich mit einem Todesblick und einer Zornesfalte auf ihrer Stirn an. Leise antwortete ich „Entschuldige“ und sie ließ mich an sich vorbeigehen, auch wenn sie mich ansah, als sei sie bereit ein Messer gegen mich zu richten.
Endlich am Platz weit hinten in der Mensa. Gott sei Dank. Platsch. Mit voller Wucht und abgehetzt wie nach einem Marathonlauf haute ich mich auf den Platz und konnte mein Essen zu mir nehmen. Ich musste lediglich diese 30 Minuten rumkriegen und dann wäre mein Tag gerettet. Wie immer aß ich schnell, da ich Panik davor hatte, die coolchicks würden mir das Essen wegnehmen wie vor 5 Wochen. Zur Ruhe kam ich nicht. Im Hinterkopf waren immer diese drei Mädchen gewesen. Es war 11.15Uhr. Alles aufgegessen. Meine Anspannung im Rücken hatte sich etwas gelöst und meine Verdauung lief ohne die üblichen Krämpfe. Ich wagte einen Blick in alle Himmelsrichtungen. Keine Spur von den chicks.
Da ich hier anscheinend sicher zu sein schien, arbeitete ich noch an meiner Buchvorstellung zum Roman „Interview mit einem Vampir“. Die HipHoper hörten zwar Jay-Z-Remixe, doch es störte mich nicht, denn sie ließen mich in Ruhe. Prophylaktisch hatte ich meinen Kopf tief in mein Buch vergraben, sodass man von weitem auf keinen Fall mein Gesicht erkennen würde. Ein Blick auf die Uhr. 11.20Uhr. Noch zehn Minuten. Der Vampir Lestat hatte soeben mehrere Frauen durch Blutaussaugen getötet. Vertieft in das Buch legte ich es auf den Tisch. 11.24Uhr. Ich atmete tief aus und hatte die chicks fast vergessen.
Gerade als ich glaubte die Pause heil überstanden zu haben, sah ich plötzlich einen pinkfarbenen 2cm langen manikürten Gel-Nagel auf meinem Anne Rice Buch. Ich blickte auf und ein funkelnder Nabelpierc, der unter einem Shirt hervorkam, grinste mir ins Gesicht und wippte genau wie der, in einen Push-Up gezwängte Busen vor meinem Auge auf und ab. Ich blickte kurz auf, dann wieder runter, als Heather fragte „Was für einen Schwachsinn liest du denn da?“. Ich griff nach dem Buch, doch da hatte sie es längst an sich gerissen. „Uh. Interview mit einem Vampir. Für deine Buchvorstellung etwa?“ Sie wedelte mit dem Buch vor mir auf und ab, während ich vergeblich danach griff. Immer mehr Mitschüler sahen diesem Szenario zu, als Heather mich mit den Worten „Oh will der Hobbit etwa sein Buch zurück?“ provozierte. Ich war so fixiert darauf, mir mein Buch wieder zu beschaffen, das ich Kelly und Britney vollkommen aus den Augen habe, die im Hintergrund standen und über die Aktionen von Heather lachten. „Gib es her.“ schrie ich und sprang hoch zu der auf Highheels fast 25 cm größeren Heather. Ich hatte es wieder. „Uhhh. Mrs. Hobbit ist nun ein Vampir. Was ein Schwachsinnsbuch!“ sagte sie noch und ließ von mir ab.
Vollkommen nassgeschwitzt und stinkend vor Angst, wollte ich die letzten drei Minuten der Pause noch stressfrei und ohne Ärger rumkriegen. Die drei coolchicks liefen weiter und stellten sich an die Kantinentür, was mir merkwürdig vorkam. Vollkommen genervt und erleichtert zugleich wollte ich mein Buch zurück in meinen Rucksack stecken, als mir eine lila-braune klebrige Flüssigkeit ins Auge sprang, die sich über mein gesamtes Lehrmaterial erstreckte. Meine Algebra-Hausaufgaben, meine Notizen für die Buchvorstellung, mein Taschenrechner, mein Zirkel. Alles war vollgeschmiert mit Kakao. Ich schloss meine Augen und schüttelte den Kopf über meine Blödheit, Kelly und Britney meinen Rücken für 40 Sekunden zugedreht zu haben.
Als die chicks mitbekamen, dass ich das Kakoa-Desaster bemerkt hatte, lachten sie lauthals an der Kantinentür drauflos. Die Hip-Hop-Clique neben mir bekam es ebenfalls mit, da der Kakao von unten aus dem Rucksack lief und alles zuschleimte. Ich wollte mich in Luft auflösen oder einfach nur unsichtbar sein. Um schlimmere Schäden zu verhindern lief ich schnell zu dem Küchenpapierspender und nahm gleich die ganze Rolle mit, um das Gröbste aus den Lehrmaterialen rauszubekommen. Die Hip Hopper neben mir fingen ebenfalls an zu lachen, während andere Mitschüler mit verzogenen Lippen und runzelnder Stirn einfach nur entsetzt auf mich herabblickten.
Es klingelte und die meisten gingen. Das Gespött der Schule blieb alleine zurück. Ich trocknete und trocknete. Alles vor mir wurde verschwommener, während ich abwischte und sich meine Augen mit Tränen füllten. Nach 10 Minuten auf den Knien, war der letzte Tropfen Kakao weggewischt. Zum Glück konnte ich die meisten Bücher vor größeren Beschädigungen bewahren. „Was ein Schwachsinnbuch!“ poppte Heathers Satz in meinem Kopf auf. Dieser Satz wollte nicht mehr aus meinem Kopf. Vielleicht wäre es besser Moby Dick vorzustellen, dachte ich und ging 10 Minuten verspätet, mit klebrigen Unterlagen und einem nach Kakao riechenden Rucksack in Raum 02.03 zum Matheunterricht.
Boom. Eine Tür knallte in der Mädchentoilette zu und riss mich aus der Erinnerung vom letzten Donnerstag. Ich blickte auf das Klopapier als ich meinen lauwarmen Kantinenburger genoss. Meine Mom hatte irgendwo Recht, denn ich war hier nichts als ein kleiner Fisch in einem großen Teich. Und zwar war ich einer jener kleinen Fische, die von den großen tagtäglich verspeist wurde. Mein Dad hatte Unrecht. Auf eine solche neuen Bekanntschaften und auf diese Erfahrung hätte ich auch gut verzichten können. Doch am meisten Unrecht hatte immer noch Bonnie. Gott war nicht da und nichts würde gut werden. Er existierte nicht, da er zuließ, dass all dies mit mir geschah. Plötzlich hörte ich Stimmen. Jemand betrat die Mädchentoilette. Reflexartig zog ich meine Beine hoch, da niemand mitbekommen sollte, dass ich hier saß.
Mein Rucksack war sauber, ich war in Sicherheit und ich konnte im Schneidersitz mein Buch zu Ende lesen. Ich lobte mich. Denn egal wie erbärmlich es wirken mag, es war eine gute Entscheidung mein Essen künftig immer auf der Toilette zu mir zu nehmen. Das Klo, war zwar die Endstation. Doch ich hatte Ruhe, ich konnte entspannen und etwas lesen oder lernen. Vielleicht war noch nichts verloren und ich könnte es doch noch irgendwie nach Yale schaffen.
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