Jeder der mich kennt, weiß das ich mich immer ziemlich gut auf social media und You-Tube darüber informiere, was gerade angesagt ist und was nicht. Auch die Diskussion rund um das Thema Diversity ist mir nicht entgangen, ein Thema das genau wie Schlagworte wie „Nachhaltigkeit“, „Woke“, „Stand For Ukraine“ und „Black Life Matters“ zu Modetrendworten der Generation Z und Alpha verkommen sind. Überall hört man diese Worte und man kann ihnen kaum entkommen. Viele denken, dass es sich um einen vorübergehenden Trend handelt, der ein Jahrzehnt lang hochgehalten wird und im Anschluss wie alle anderen Parolen wie „Stoppt den Atommüll!“, „Rettet die Wale“, „Free Keiko“, „Gib Aids keine Chance“ oder „Make Love Not War“ im Mülleimer der Sozialen Engagements landet, deren Ziele niemals erfüllt wurden. Doch der Reihe nach…
Zunächst wundere ich als frühes 1980er Mädels darüber was die jüngeren meiner Bekannten (alle die nach 1995 geborenen) oder die Jugend im Internet zu dieser Thematik sagt. Es erscheint mir so, als ob die Teenager oder jüngeren Erwachsenen davon ausgehen, dass in den 1990er Jahren, also meiner Teenagerzeit, eine Art düsteres Mittelalter geherrscht hat, in dem man nicht offen über SEX in der Öffentlichkeit reden durfte und es tabuisiert war. Außerdem nehmen die Menschen an, dass es damals Rassismus und Diskriminierung von Frauen am laufenden Band gab. Zum Thema Sex: Die 90er war mitunter das Jahrzehnt in dem das erste Mal megaoffen über Sex gesprochen wurde. Zunächst taten es die Kids in Serien wie „Beverly Hills 90210“ oder in Songs Anfang der 90er, die erstmals extrem sexualisiert waren (u.a. von Prince, Madonna, Janet Jackson). Es gab sogar Sexaufklärungssongs wie „Let’s Talk about Sex“ von Salt’n’Peppa. Außerdem boomten die Sextalk-Sendungen wie „Wa(h)re Liebe“ oder „Peep“. Aber auch das Radioformat „Domian“, hatte das Thema Sex immer fest in seinem Ablauf eingeplant und führte dazu, dass die deutsche Bevölkerung erstmals locker und ungezwungen über Homosexualität oder SM sprechen konnte. Domian hatte sogar einen Vorreiter, nämlich Erika Berger, die damals Sextipps am Telefon gegeben hatte und eine Pionierarbeit in diesem Bereich geleistet hat. Nicht zuletzt trugen diese Sendungen zu einer Offenheit und Toleranz beim Mainstream bei, auch wenn sie Homophobie nie ganz ausgeschaltet haben und es eine Sendung auch niemals schaffen kann.
Rassismus gab und gibt es bis heute. Menschen mit einem anderen Aussehen, einer anderen Hautfarbe, Haarfarbe oder Körperbeschaffenheit, einem Akzent usw. werden oft am Arbeitsplatz gemobbt, werden gesellschaftlich ausgegrenzt usw., auch wenn es sich deutlich reduziert hat seit den 90er Jahren. Unter anderem trugen der Siegeszug des Hip Hop dazu bei, dass die Kulturen noch schneller durch Musik zusammen verschmelzen konnte.
Zum Thema Diversity kann ich ebenfalls etwas sagen und zwar, dass es sich seit den 1990er-Jahren definitiv gebessert hat und „Anderssein“ in jedem Fall mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ein Punkt auf den ich zu einem späteren Zeitpunkt in meinem Beitrag noch einmal zurück kommen werde. Frauen aller Körperformen, Menschen mit jeder nur erdenklichen Sexualität werden in der Öffentlichkeit akzeptiert und werden präsenter, auch wenn Transgender beispielsweise nur einen sehr geringen Teil der Bevölkerung ausmachen.
Ich habe viel nachgedacht und die 1990er, zu deren Beginn ich 8 und zum Ende 17 war, einmal gründlich reflektiert. Ich habe ein Resümee für mich selbst gezogen. Zunächst habe ich mich gefragt, weshalb ich so tolerant und aufgeschlossen war und zwar schon seit meiner Kindheit. Ich selbst bin in einem konservativerem Haushalt großgeworden, was nicht heißt, dass irgendjemand in meiner Familie rassistisch oder homophob, sondern lediglich nicht Up-to-date. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es viel damit zu tun hatte, dass ich nur die offene Seite der 90er-Jahre wahrgenommen habe, weil ich Alternativemusic gehört habe. In dieser Szene sind Rassismus, Homophobie, Mobbing von Leuten die anders sind oder auch Sexismus, sehr verwöhnt. Oftmals waren die Leadsänger der Bands meist selbst Außenseiter, wurden gemobbt, weil sie nicht ins typische Machogehabe passten. Teils handelten ihre Songs davon. Und viele von ihnen dateten keine Models, was mir als Normalsterbliche auch immer Hoffnung gab. Selbstverständlich gab es gesellschaftliche Milieus oder auch Musikszenen, in denen Rassismus und Homophobie toleriert wurden (u.a. früher im Heavy Metal oder Reggae). Doch ich für meinen Teil hielt mich schon immer von latent-aggressiven oder feindseligen Menschen fern, weil ich Hass schon immer als eine Verschwendung von Energie betrachtet habe.
Die bunte Welt der 90er, in der bei VIVA , VIVA2 und MTV, dunkelhäutige, afrikanisch-stämmige, asiatische, deutsche und türkische Moderatoren tätig waren und auch Sendungen wie DSDS (Anfang der 2000er) oder meine Schulzeit in der wir sehr durchmischt waren (Russlanddeutsche, Russen, Polen, Spätaussiedler, Nordafrikaner, Türken, Jugoslawen usw.) ließen mich gar nicht merken, was für Parolen in irgendwelchen Kneipen losgetreten wurden, weil mir Menschen mit einer solchen vorurteilsbehafteten Gesinnung vollkommen fremd und fern waren und es bis heute sind. Eher noch habe ich umgekehrten Rassismus (Anmerk: ja, der Begriff ist scheiße, denn Rassismus ist Rassismus) mitbekommen.
Doch genug. Fazit ist, dass es meiner Meinung nach schon immer Diversity gab und es keine Erfindung der Neuzeit ist
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