GEZ fast 20Euro monatlich. Und was bekomme ich dafür? Dokumentationswiederholungen, Tagesschau sowie abendliche Talkrunden mit ein und denselben Leuten. Ach, und den Fernsehgarten oder Silbereisens Schlagerparade. Auch immer mit denselben musikalischen Gästen.
Für die Privaten zahle ich 10 Euro im Monat. DVBT2. Toll, auch nicht besser! Hartz4-TV, Realityformate sowie endlos Wiederholdungsschleifen von McGyver, 2BrokeGirls, FixerUpper, How I met your mother, CSI, Bones oder Unsere kleine Farm. Netflix hab ich nicht. Dafür 200 DVDs, die ich alle dank Lockdown auswendig kann. Hab die während Corona alle drei mal durch und schaue sie mir nun auf Englisch an. Bin selbst nach dem vierten mal gucken immer noch wütend über SATC2.
Doch ab 20.15Uhr ist Primetime angesagt, was mich freut, da ich schon seit längerem in einige der neuen Fernsehformate reingucken wollte: The Masked Singer, Promis unter Palmen, Paula kommt oder gar I Can See your Voice.
Mal sehen, was es heute gibt. Greife zur Fernbedienung. Zappe. Zuerst trällern Kinder bei The Voice Kids. Weg damit. Next channel. Dann sehe ich irgendwelche Wahnsinnigen, die es mit Ehefrau und Sexdolls gleichzeitig tun bei Paula kommt. Weg damit. Next Channel. DSDS ist zu ende, fällt mir dann auf. Wie es wohl mit dem Format, Gottschalk und RTL weitergehen wird? Niemand weiß es, da RTL eh dabei ist von Sat1 überholt zu werden. Sat1 hat sich gemausert, auch wenn Luke Mockridge mich nicht wirklich zum Lachen bringt. Doch das RTL-Pendant ist noch unlustiger. Oliver Pocher, über den ich mich hin und wieder mal ärgere. Ich war schon fast am Ende beim Zappen und wollte aufgeben.
Plötzlich zappe ich zu meinem aktuellen Lieblingssender Sat1 und lande bei der ersten Folge von Promis unter Palmen 2021.
Hmm. Purer Trash! Doch ich schaue weiter, auch wenn mein Finger schon eine nervöse Zuckung zum Wegschalten aufweist. Dann maschieren die Kandidaten ein: Julia Siegel, Patricia Blanco, Prinz soundso, Willi Herren, Chris, Melanie Müller und irgendwelche jungen tattoowierten oder muskelbepackten jungen Leute, die keiner kennt und die einfach nur nerven. Ocha! Na, das kann ja heiter werden! Eine explosive Mischung. Längst bin ich Masochist, denn dieser Wahnsinn unterhält mich, obwohl er mich gleichzeitig quält. Die Vorschau mit den Ausrastern der C-Promis und Pleitegeiern macht mich zudem binnen 12 Minuten zum Voyeur, wie damals beim Gucken von Jerry Springer. Ich bin schockiert über mich selbst, denn dieser Trash unterhält mich tatsächlich mehr als die letzte Ausgabe des Literaturclubs.
Schon nach 40 Minuten der erste Skandal. Ein Transgender unterhält sich mit dem „Prinzen“, der Statements vollgespickt mit Homophobie at its best, vom Stapel lässt und das vor einem Millionenpublilum. Der Prinz demaskiert oder scripted reality, um die Quoten zu steigern? Eine Diskussion auf dem Steinzeitalterniveau beginnt und das mitten im Jahr 2021. Am nächsten Tag sollte dieser Vorfall hohe Wellen in der Gay- und TransCommunity schlagen. Ich fühle mich auf das Niveau der Talkshows a la Bärbel Schäfer zurückgeworfen. Und noch immer. Ich ärgere mich zum ersten mal nicht über Dummheit, Niveaulosigkeit oder das Showformat. Ich quäle mich durch und amüsiere mich dabei prächtig.
Wenig später der nächste Streit. Melanie Müller vs. Muskelprotz. Lach. Zwischendurch Sexsells und sinnlose Challenges. Patricia Blanco stolpert andauernd und Julia Siegel hat eine Midlfecrisis. Herrlich. Willi Herren und der Prinz sind dauerbetrunken. Und noch immer. Ich habe mich schon lange nicht mehr so unterhalten und abgelenkt gefühlt. Ich lache öfter auf und schüttel zwischendurch den Kopf darüber, wie unterirdisch sich die Teilnehmenden aufführen. Doch ich kann nicht aufhören es zu gucken, da der Dschungel sowas schon lange nicht mehr zu bieten hatte. Hut ab Sat1! Ihr habt die größten Wahnsinnigen, die narzisstischsten Profilneurotiker zusammengewürfelt, um Lachen und Ärger zu vereinen. Denn das will und braucht der moderne TV-Zuschauer. Sich über andere lustig machen oder sich über jeden Hinz und Kunz aufregen.
Während der Ärger bei den Kandidaten steigt, steigt parallel dazu das Amüsement beim Fernsehzuschauer. Ich lache einfach, weil ich zum ersten Mal seit langem nicht mehr an meine eigenen Probleme denken muss und ärgere mich zum ersten Mal nicht über einen solchen Quatsch. Im Gegenteil! Ich will mehr davon.
Werbepause. Ich scrolle kurz Facebook durch, wo die Ressonanz auf die Sendungen überwältigend ist. Auch der homophobe Prinz hat die Socialmedia-Plattform fest im Griff und sogar eine Diskussion über Diskriminierung von Homosexuellen ausgelöst.
Ich schalte nächstes mal wieder ein lautet mein Resümee dieses glorreichen Fernaehabends. Bis dahin schaue ich mir auf Olivia Jones‘ Facebookseite an, um alle Reaktionen der Gay- und Transcommunity zum „Prinzen“ nachzulesen. Olivia hat wie immer Recht und bekommt einen Like von mir. Sie prophezeit dem Prinzen, dass dies noch ein Nachspiel haben wird.
Ich lege mich schlafen. Das Lachen und Ärgern der Zuschauer geht nächste Woche in die Verlängerung!
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