Es ist Donnerstagmorgen am 24.02.2022 und ich hatte eine kurze Nacht. Als hätte ich eine düstere Vorahnung gehabt, konnte ich bereits seit einer Woche nur sehr unruhig schlafen und in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag kaum. Als ich den Fernseher gegen 6.30Uhr auf Sat1 Frühstücksfernsehen angemachte habe ist, das Wirklichkeit geworden, wovor ich die Tage davor bereits Angst hatte.
Putin hatte seine Drohungen wahr gemacht und sein Nachbarvolk in der Ukraine heimtückisch angegriffen und mehrere große Städte bombardiert. Mir lief ein Schauer über den Rücken und meine Augen wurden feucht. Wie kann es sein, dass Russland sowas tut? Wie kann es sein, dass das Nachbarland meiner Heimat Polen angegriffen wird? Wie konnte Putin etwas tun, was all meinen russischen Freunden zuwider ist? Wie kann man ein unabhängiges Land einfach so bombardieren?
Ich möchte nicht zu viel über die politische Komponente reden, denn darum geht es nicht. Es zählen momentan nur Fakten und Fakt ist, dass Putin die Ukraine einfach an sich reißen möchte, bevor sie Mitglied der Nato oder der EU wird. Es ist quasi seine letzte Chance. So empfindet er es und das ist der einzige Grund, weshalb er es tut.
Als gebürtige Polin habe ich noch wage Erinnerungen an den kalten Krieg, der kurz vor meiner Einschulung in Deutschland endgültig beendet wurde und alle in Freiheit leben konnten (inklusive der DDR-Bürger). Diese Zeiten waren fürchterlich. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass Putin eine zweite Sowjet Union möchte oder einfach die Ukraine als Russland betrachtet.
Es gibt natürlich auch die Gegenseite, nämlich Menschen, die hinter Putin stehen und ihm seine Lügen vom Genozid am russischen Volk oder Angriffen durch die Ukraine auf Russland glaubten. Als würde ein militärisch so unterlegenes Land eine Atommacht angreifen. In den russischen Medien wird momentan nur von dieser Seite (Putin hat ein Recht für den Angriff) berichtet, da die freien Medien ausgeschaltet wurden und nur noch das Staatsfernsehen sendet. Einige beschuldigen die Nato und die USA für diesen Krieg, was absurd ist. Die Nato ist eine defensive Organisation, die sich militärisch überhaupt nicht einmischt oder eingemischt hat, sondern lediglich das Handeln Putins verurteilt und dazu Statements gesetzt hat. Ich erkenne keinen Fehler seitens Europas oder der Nato an diesem Krieg. Putin möchte einfach keine Einmischung, weil er die wirtschaftlichen Sanktionen fürchtet und das sich dadurch die Bevölkerung und die Oligarchen gegen ihn stellen könnten. So jedenfalls nehme ich die Lage momentan wahr. Putin hat Angst vor Freiheit und Demokratie.
Es wurde viel diskutiert und ich halte hier nur einiges zusammen:
– Das Russlands/Putins Politik nicht konform ist mit der Meinung der russischen Bevölkerung ist, ist mehr als eindeutig.
– Das Deutschland die Rüstungsindustrie aufstockt, bedeutet nicht, dass sie sich in diesen Krieg einmischen werden.
– Das die Nato auf keinen Fall eingreifen wird, weil sie eine nuklearen Krieg verhindern wollen.
– Das Europa versucht defensiv den Krieg mittels Sanktionen usw. zu stoppen, weil ein Angriff anderer Länder, die Eskalation verschärfen und den Frieden innerhalb Europas gefährden würde.
Vor allem der letzte Punkt ist furchtbar. Wir müssen zusehen, wie die Ukraine sich mit den wenigen Mitteln die sie hat, verteidigen muss und wir können nichts tun. Mann gegen Mann. Wir müssen zusehen, wie Kiew zu einem Schlachtfeld wird. Das einzige was wir tun können, ist ihnen sagen, dass wir hinter ihnen stehen (mentale Stärkung) und dass wir die Flüchtlinge aufnehmen und sie mitversorgen. Ein Horrorszenario fast direkt vor unserer Tür und man fühlt sich machtlos.
Gesellschaftlich fielen mir direkt wieder viele Sachen auf, die sich innerhalb der Bevölkerung abspielten. Zunächst die Aktionen mit Friedenstauben, Ukraine-Schleifen und „I stand with Ukraine“-Statements. Doch was bringt es eigentlich? Ich weiß, dass die meisten nur ihr politisches Statement setzten wollen. Jedoch befürchte ich, dass es vor allem in social media nur darum geht sich zu profilieren (vor allem die Gutmenschen und Pseudo-Gutmenschen). Es gibt narzisstische Menschen in der Gesellschaft, die darüber einfach selbst wieder im Mittelpunkt stehen wollen, es nur tun, weil es alle tun oder es zwar Posten, aber in Wahrheit rein gar nichts für die Flüchtlinge tun oder sich auch sonst nicht politisch oder humanitär engagieren. Es dient bei diesen Menschen nur der psychischen-emotionalen Entlastung ein Symbol irgendwo reinzustellen oder ein T-Shirt zu tragen, weil es zum guten Ton gehört. Mehr ist es nicht für diese Art der Narzissten, die durch social media und die Selbstprofilierung im Netz, einfach nur einen Sticker wie ein Abzeichen nutzen und die den Krieg ansonsten weitestgehend ignorieren.
Natürlich ist niemand für Krieg, deshalb braucht man keine Friedenstauben. Wer auf dieser Welt ist denn bitteschön Pro-Krieg? Das wäre dasselbe als würde man schreiben man sei gegen Pädophilie oder Mord an sich. Da muss man keinen Sticker aufkleben, weil niemand für unmenschliche Verbrechen sein kann und weil es sich von selbst versteht. Die „I stand with Ukraine“-Statements sind schon etwas aussagekräftiger, werden aber, wie bereits erwähnt, auch von Selbstdarstellern als eine Art Trend, der Corona ablöst hat gesehen missbraucht (vor allem in der jungen Bevölkerung, für die Krieg immer noch abstrakt ist). Die Friedenstaube wirkt vor allem so grotesk auf mich, weil der Krieg erst angefangen hat und kein Frieden in nächster Zeit abzusehen ist. Zudem werden Friedenstauben eigentlich erst fliegen gelassen, wenn bereits Frieden herrscht!?! Ich kann kein Symbol des Friedens tragen, wenn überall um mich herum Krieg ist. Sehr paradox!
Zuletzt gibt es Menschen, die es ernst meinen. Menschen die auch spenden wollen oder es schon tun oder Leute, die Ukrainer oder Russen kennen. Menschen aus Polen, Lettland usw. die direkte Nachbarn sind und Leute die Verwandte dort haben. Doch dies ist nur ein kleiner Teil.
Zuletzt möchte ich noch auf die Medienberichterstattung gehen. Die Bildzeitung übertrifft sich momentan selbst und die übrigen Medien schlachten das Thema ebenfalls aus. Online kann man durch 16 Livecams aus Kiew live mitverfolgen, wie und wann die Bomben einschlagen. Ähnlich grotesk wie beim Bosnienkrieg, wird diese Eskalation von Menschen, die noch nie Krieg oder kriegsähnliche Zustände erlebt haben, einfach weggebügelt oder abends vor dem Fernseher mit der Chipstüte in der Hand konsumiert als sei dies ein Actionfilm. Diese Menschen, die sich den Krieg wie eine Unterhaltungssendung reinziehen, sind die medialen und psychosozialen Opfer der modernen Mediengesellschaft. Für die meisten von ihnen, ist all dies immer noch weit weg. Erst wenn der Krieg direkt vor ihrer Haustür ankommt, werden sie merken, was Krieg bedeutet, da ihnen die nötige Empathie und das nötige Realitätsbewusstsein fehlt. Es bleibt vor dem Fernseher abstrakt und weit weg. Viele denken „Ukraine. Was ist das? Ein Land hinter Polen, also geht’s noch!“ Ich bin Kulturpessimist und mein Pessimismus, was den Anstand und den Verstand der Menschen bzw. des Mainstream anbelangt, wird nun wieder bestätigt. Auf der anderen Seite möchte man informiert sein, weshalb man doch einschaltet. Doch man sollte es auf seriöse Quellen (nicht Bildzeitung) reduzieren.
Am allerschlimmsten jedoch empfinde ich die Menschen (und ja die gibt es), die Corona hinterhertrauern und sehr traurig sind, dass ihrer pandemischen Panik kein neues Futter gegeben wird. In was für einer kranken Gesellschaft leben wir? Wie krank haben uns social media und das Fernsehen gemacht? Corona hat dem Egoismus, dem Narzissmus und der Selbstprofilierung (bessere Außendarstellung) noch mehr Futter gegeben und sie „dicker gemacht“. Ein neuer Ausnahmezustand, löst den nächsten ab. Der letzte Zustand (Corona) verkommt immer mehr zu einem Witz und einer Farce dagegen. Einige sind aufgewacht und in der Realität angekommen. Einige schlafen noch weiter und haben Angst, dass wenn die Oma neben einem hustet, sie am Tropf landen und sterben. Traurig ist, dass es Menschen gibt, denen so ein Ausnahmezustand Halt gibt auf eine perverse Art und Weise oder der ihre Sensationsgeilheit auch noch stillt. Corona hat die Menschen mehr denn je voneinander distanziert, die Empathielosigkeit erhöht, das Realitätsbewusstsein zerstört und das Hirn durch die Medien Tag für Tag kaputtgef…!
Gendersternchen, Regenbogenfahnen, Friedenstauben und Sticker „Ich bin geimpft“ und ein soooo guter Bürger. Alles verkommt zu einem Schauspiel und einer Show, bei der man zeigen will, dass man „gut“ ist, ohne wirklich aktiv etwas zu tun. Schließlich können Diversity-Bekundungen von Firmen usw. nicht verhindern, dass es weiterhin homophobes Mobbing und Rassismus unter den Mitarbeitern gibt. Diese Statements dienen nur ökonomischen Interessen oder der Imageverbesserung, wobei sie nichts mehr als Lippenbekenntnisse und reine Außendarstellung oder gar ein Trend sind, der bald wieder vergessen sein wird. So ist es auch mit dem Krieg. Spenden, nur um zu zeigen, dass man eine gute Firma ist und weil es einfach so gemacht werden muss. Mit Herz und Leib und Seele ist kaum einer dabei. So sieht die Realität aus.
Doch es gibt auch Gutes, nämlich die wahre und herzensgute Hilfe. Ich meide grundsätzlich Spendenorganisationen die Gelder auf irgendwelchen dubiosen Konten sammeln und spende lieber direkt an Betroffene, da ich sicher sein möchte, dass meine Sachen auch ankommen. Das liegt daran, dass es in der Vergangenheit einfach zu viele Skandale in Bezug auf Spenden, die nie ankamen gab. Überwältigt bin ich von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die den Geflüchteten helfen oder ihnen in ihrem Haus eine Unterkunft anbieten. Ich befürworte Gutes und hoffe alles wird bei den Ukrainern ankommen.
Ich wünsche der Ukraine alles Gute und den Geflüchteten viel Hilfe. Ich hoffe Putin kann gestoppt werden.
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