Mal wieder unterwegs mit Kinderwagen. Kind ist topgestyled. Modernes rosa Jäcken, dazu die passende edle Markenjeans und die Winterschuhe von Elephant. Meine Tochter sitz fest im überteurem ABC-Design-Kinderwagen und trinkt genussvoll aus ihrem neuen Fläschchen, während ihre schwarzen Locken vom Wind durcheinandergewirbelt werden. Die alte Frau, deren Lächeln durch die Coronamaske bis ins Herz meiner Tochter dringt, bekommt fast Tränen in die Augen, als ihr meine Tochter Zoey winkend zulächelt und losbrabbelt. Alle sentimental geworden 1 Jahr n. Cor.! Ich fühl mich gar nicht gut, während ich mir einen kräftigen Schluck aus dem StarbucksThermobecher genehmige. Zuviel Kaffee und zu wenig Schlaf. Doch Koffein ist besser als Paracetamol hatte ich festgestellt. So ein Jammer, dass das Wetter zu bescheiden ist, um auf deb Spielplatz zu gehen. Der April 2021 ist der Monat de4 drei Jahreszeiten.
Noch drei Minuten bis der Bus kommt. Bis dahin muss ich die Hälfte des Kaffees schaffen, denn im Bus ist nichts mit Kaffee. Da gilt die Maskenpflicht.
Ich kriege einen Schreck als ich plötzlich meine Reflektion in der Haltestellenscheibe sehe. Schaue aus wie gerade aus dem Bett gerollt und in mein „Ein-Wochen-Outfit“ gejumpt. Karl Lagerfeld hätte bei dem Outfit gesagt, dass ich längst die Kontrolle über mein Leben verloren habe. Doch ich als Mutter denke praktisch. NoNameKlamotten! Ja, denn hauptsache das Kind schaut perfekt aus. Kaum Make-Up! Jawoll, denn unter der Maske sieht man eh kaum Gesicht. Fetthaare unter der KiK-Wollmütze versteckt. Ja, keine Zeit für ein Hairstyling heute. Nichts gegessen. Egal, hauptsache Kind ist wohlgenährt.
Bus kommt pünktlich und rollt mit voller Kraft an die Haltestelle. Aus den Gedanken gerissen, hüpfe ich schnell rein, um in der City mindestens vier meiner To-Do-Punkte von der ellenlangen Liste abzuarbeiten. Hab letztens noch ein YoutubeVideo gesehen mit Tipps für Gestresste, für an Zeitmangel leidende und für all diejenigen, die gerne erfolgreich wären. „Nehmen sie sich täglich nicht mehr als 4 Punkte vor. Denken sie in kleinen Schritten. Und glauben sie mir, nur DAS wird ihnen Erfolg bringen. Das Wenige, das sie schaffen, wird ihnen nämlich ein Glücksgefühl geben.“ So sagte es der Jungspund, dessen Mutter ich beinahe sein könnte, in seinem Youtubevideo. Ich versuchte diesen Vorschlag in die Tat umzusetzen, auch wenn der Junge aus dem Video halb so alt war wie ich. Ich hoffte es würde klappen, da ich bereits seit 3 Tagen vorhatte eine Mail abzuschicken. Für heute, hatte ich mir also vorgenommen: Mail schicken, Überweisungen durchführen, bei Real einkaufen und Anruf bei Firma X erledigen.
Der Bus fährt und fährt und ist noch immer fast leer. Kaum zusteigende Passanten. Da hilft nur ein Blick aus dem Fenster! Ich sehe, dass Corona hat seine Spuren hinterlassen. Die Straßen wie leergefegt und die Corona-Pickel in meinem Gesicht immer dicker. Der Körper immer weicher und die Hoffnung auf ein Ende von Click-And-Collect und Co. auf ein Minimum reduziert. Wenigstens die Coronapickel waren schön unter der Maske versteckt, während man mir meine Müdigkeit direkt an den Augenringen ablesen konnte. Junge, Junge! Morgens halbzehn in Deutschland und kaum Kinder auf den Straßen und das an einem Donnerstag. Während draußen genügened Raum ist, platzen an der Haltestelle vor dem Discounter auf einmal drei Rollatorfahrer in den Bus und eröffnen den Kampf um den Kinderwagenplatz. Dabei benehmen sie sich als hätten sie den Platz bereits gepachtet oder Monate vorher gebucht. „Bitte Abstand halten!“ schreit eine Omi mich an, weil mein Kind keine Maske trägt, während die beiden anderen Rollatorfahrer einsichtiger sind und weiterlaufen. „Ich war doch zuerst hier.“ entgegnet ich „Halten sie doch Abstand, aber bewahren sie Anstand!“ Die Frau weiß nicht, was sie darauf entgegnen soll und geht zur Seite auf die billigen Plätze und hält ihre Schnute für den Rest der Busfahrt.
Erst nach 30 Minuten am Ziel angelangt. Musste 3 Haltestellen weiterfahren, weil die Aufzüge am Berliner Platz nicht so funktionieren wie sie sollten und sich im Coronazeitalter niemand darum schert. Ab in die Spaßkasse, wo ich eine ellenlange Schlange vor den Terminals vorfand. Alle Menschen standen brav in Reih und Glied. Genau 1.5m voneinander entfernt. Tochter will auf einmal eine Wurst, während mein Magen immer noch knurrt. Nach 10 Minuten bin ich endlich am Schalter. Alle hinter mir können nicht glauben, dass ich drei Überweisungen in nur 3 Minuten fertigmache. Stolz wie Oscar komme ich aus der Bank und hake einen der vier To-Do-Punkte ab.
Ein Backwerk liegt auf dem Weg zum Realmarkt. Will den Magen füllen. Auch hier tote Hos. Die drei Kunden kaufen sich was, latschen dann drei Meter weg vom Backwerk, um die gekaufte Ware zu essen. Aber sie müssen aufpassen, da sie nicht zu nah an der Rathaus Gallerie stehen dürfen, da man dort aufgrund der Maskenpflicht auch nicht verzehren darf. Ich esse meinen Berliner Ballen hinter dem Backwerk, neben den drei muslimischen Männern, die Kaffee trinken, die nicht Abstand halten schreien und die ihre Masken abhaben. Zoey schaut mich traurig an. Will mitessen. Ich opfere die Hälfte des Berliners und bin immer noch hungrig.
Jawoll. Auf dem Weg zum Real hab ich endlich Zeit, um Firma X anzurufen. „Guten Tag. Aufgrund von Corona bieten wir keine persönlichen Termine an. Die Leitungen sind alle belegt. Bitte haben sie noch etwas Geduld. Einer unserer Mitarbeiter steht ihnen gleich zur Verfügung.“ lautet die Ansage. Doll. Setzte Headset auf, da ich nicht weiß wie lange die Wartezeit geht. 80erWarteschleifenmucke wird abgespult, während ich mir das Szenario vor dem Testzentrum reinziehe, vor dem sich eine 40m lange Schlange gebildet hat. Zehn Minuten später. „Haben sie noch etwas Geduld. Wir sind gleich für sie da!“ Super! Wieder 80er-Mucke. Mache noch Windowshopping als ich merke, dass meine Tochter die Buxe voll hat. Ab in die Wickelstation bei Clean and Fresh. Just in dem Moment als ich ihr die Windel anziehen will ertönt „Guten Tag, Firma X. John Doe hier am Appart. Was kann ich bitte für sie tun?“ Ich bitte den Kundenbetreuer darum, aus Kulanz zwi Minuten zu warten, damit ich meine Tochter wieder anzukleiden und in den Kinderwagen zu setzen kann. Nach exalt 50 Sekunden nehme ich den Hörer zurück ans Ohr. Nicht zu fassen. Der Kerl von Firma X hat aufgelegt. „Mist!“ sage ich. Ich rufe erneut an. Warteschleife. Egal! Jetzt mache ich noch den Anruf, während des Einkaufs bei Real und danach ab nach Hause. Ja! Nach 30 Minuten Einkauf und Anruf erledigt.
Muss schnell dem Bus hinterher und hab ihn knapp erwischt. Jaaa! Jetzt ist die Gelegenheit endlich die Mail abzuschicken. Doch daraus wird nichts, da mir mein Akku 5% anzeigt. Ich sehe in das lächelnde Gesicht meiner Tochter und sage „Dann muss die Mail noch warten bis du gleich Mittagsschlaf machst!“
Total geschafft zu Hause angekommen. Treppenstufebsteigen mit Zoey ist angesagt. Nach vier Minuten sind wir endlich Oben im 2. OG. Schnell Essen geben, Windel wechseln. Kind ins Bett legen. Puh. Sie schläft sofort ein. Endlich Zeit für mich. Ich hole meinen Block heraus und hake die drei Punkte ab. Einkauf erledigt, Anruf erledigt, Überweisungen erledigt. Ich erledigt. Schlafe ein. Muss die Mail am Abend schreiben oder morgen. An einem weiteren turbulenter Tag mitten im Lockdown.
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